Die Apostel und ihre Attribute
Nachdem mehr als ein Jahr lang hier etwas über die Evangelisten und ihre Symbole zu sehen war, möchte ich mich den Aposteln zuwenden.
Dieser Artikel ist sehr ausführlich geraten! Er ist kaum in einem Durchlauf zu erfassen. Schauen Sie immer wieder mal rein.
Zu den Aposteln im engsten Sinn gehören in der Tradition die zwölf Jünger Jesu und Paulus. Neben Darstellungen einzelner Apostel waren Gruppendarstellungen vor allem in der Gotik beliebt. Ein (allerdings neo-gotisches) Beispiel:
Portalfries von St.Sebastian in Ketsch (Baden-Württemberg)
Hier sehen Sie 12 Apostel mit ihren Symbolen; weil vergoldet, gut sichtbar.
Nach der oben erwähnten Tradition müßten es doch aber 13 Apostel sein?! - Um die besondere Zahl
zwölf (= Vollkommenheit) aufrecht zu erhalten, wird ein Apostel weggelassen. Meist sind das
der nachberufen Matthias (vgl. Apg 1,15-26) oder Mätthäus, der dann unter die Evangelisten gezählt wird.
Anhand von Figuren an der Empore der Kirche zu
Neufelden (mit einer Ausnahme)
sollen mögliche Attribute der Apostel vorgestellt werden. Die Apostel werden in der Reihenfolge genannt,
wie sie bei Matthäus (Kap. 10,2-4) stehen:
Bei allen Aposteln kann als Attribut ein Buch (bzw. Schriftrolle) vorkommen. Das symbolisiert dann das Apostelamt.
Simon, genannt Petrus
Attribute: Schlüssel, Hahn, Schiff, umgedrehtes Kreuz
Petrus wird gewöhnlich als alter Mann mit lockigem Haar und Bart (Erzvater) dargestellt.
Der oder die Schlüssel sind sein Hauptattribut. In mittelalterlichen Bilddarstellungen bis zur späten
Gotik trägt Petrus meist zwei (verschiedenfarbige) Exemplare, die irdische und geistliche Gewalt
symbolisieren (Anspielung auf Mt 16,19).
Der Hahn dürfte sich auf die Verleugnung durch Petrus beziehen (Matthäus 26,69ff).
Für das Schiff konnte ich keine Deutung finden. Vielleicht ist es ein Bezug auf Petri Versuch,
über das Wasser zu laufen (vgl. Matth 14,22ff).
Das umgekehrte Kreuz: Der Überlieferung nach soll Petrus kopfüber gekreuzigt worden sein.
und
Andreas, sein Bruder
Attribute: Fisch, Strick, X-förmiges Kreuz
Das X-Kreuz findet sich wohl am häufigsten. Es steht für den Märtyrertod
des Andreas an einem solchen Kreuz.
Der Strick bezieht sich wohl auf eine Passage aus einer apokryphen Apustelgeschichte,
nach der Andreas an Pferde gebunden durch die Straßen geschleift worden ist.
Der Fisch (es kann auch ein Korb mit Fischen und Broten sein) erinnert an die
Speisung der Fünftausend, wie sie Johannes erzählt (Joh 6,8-9).
Jakobus, der Sohn des Zebedäus
Häufig wird er auch als Jakobus der Ältere, lateinisch Jacobus major bezeichnet.
Attribute: Jakobsmuschel, Pilgerstab ("Jakobsstab"), Hut und Mantel
Die Jakobsmuschel ist fast immer zu finden, oft an einem Hut oder an der Kleidung. Komplette Pilgerkleidung kommt fast nur bei Einzeldarstellungen vor.
In Spanien wurde Jakobus zum Nationalheiligen; nicht nur, weil sein
legendarisches Grab in Santiago de Compostela liegt und viele Pilgerwege dorthin
führen. Er wurde als Schlachtenhelfer in den Kämpfen gegen die Mauren angesehen.
sein Name wurde regelrecht zu einem Schlachtruf: ¡Santiago y cierra, España!
(Sankt Jakob und greif an, Spanien!)
Von daher erklärt sich auch, daß Jakobus in Spanien zu Pferde mit dem Schwert als
"Maurentöter" (Matamoros) dargestellt wurde.
und
Johannes, sein Bruder
Wird in der christlichen Tradition mit dem "Lieblingsjünger" Jesu aus dem Johannesevangelium identifiziert und gilt traditionell als Verfasser des vierten Evangeliums.
Attribute: Adler, Kelch mit Schlange, Ölkessel
Der Adler ist das Symbol des Evangelisten.
Die beiden anderen Attribute gehen auf Legenden zurück:
Die Schlange im Kelch deutet auf den Versuch, Johannes zu vergiften.
Nache der "Legenda Aurea" soll Johannes an der Porta Latina das Martyrium im Ölkessel erlitten haben,
aber das Öl verwandelte sich in ein erfrischendes Bad, er entstieg unversehrt und wurde auf die Insel Patmos verbannt,
wo er das Buch der Offenbarung schrieb.
Philippus
Attribute: Buch(Schriftrolle), T-förmiges Kreuz, Brotlaib
Das Kreuz soll an sein Martyrium erinnern. Warum es ausgerechnet
diese Form hat, die auch als "Antoniuskreuz" (Zum Heiligen Antonius), ägyptisches
oder Tau-Kreuz bekannt ist und auch als Bußzeichen gilt (vgl. Farnziskus),
konnte ich nicht herausbekommen.
Der Brotlaib soll an die wundersame Brotvermehrung erinnern (Joh 6,5-7)
Der Apostel Philippus wird oft mit dem aus der Apostelgeschichte bekannten Diakon
Philippus
verwechselt.
und
Bartholomäus
Attribute: Messer und abgezogene Haut
Beide Attribute beziehen sich auf sein Martyrium: Bartholomäus soll
lebendig gehäutet worden sein.
Das Messer (in der rechten Hand) ist eigentlich immer vorhanden.
Die Haut (über dem linken Arm) kann fehlen oder wie eine Gewandfalte wirken.
Sie kann aber auch deutlich oder gar drastisch dargestellt sein.
Einige
Beispiele.
Thomas
Attribute: Schwert, Lanze, Winkelmaß
Er wird meist bärtig dargestellt. Die Attribute beziehen sich alle
auf Legenden.
Thomas sprach den in einem Standbild verborgenen Teufel an, das Bronzewerk zerschmolz wie Wachs,
der außer sich geratene Oberpriester durchbohrte Thomas mit seinem Schwert,
doch der König ließ ihn ehrenvoll begraben.
Sehr weit verbreitet ist die Ueberlieferung von seinem Apostolate in Indien.
Dort soll ihn ein Brahmane mit einem lanzenähnlichen Rohr während der Feier
der heil. Messe getötet haben.
In den "Thomas-Akten" heißt, Christus habe Thomas im Traum aufgefordert,
zum König Gundisar/Gundaphorus in Indien zu gehen, da der König den besten Baumeister suche.
Dafür steht das Winkelmaß.
und
Matthäus, der Zöllner
Kanzel St. Oswald bei Haslach
auch Levi genannt.
Er gilt in der Tradition als der Verfasser des Ersten Evangeliums.
Attribute: Schreibfeder, Buch, Hellebarde oder Schwert, Geldbeutel, Zählbrett
Schreibfeder un Buch stehen für den Evangelisten.
Geldbeutel und Zählbrett gebraucht ein Zöllner.
Die Waffen nehmen Bezug auf eine Legende, nach der Matthäus am Altar von
rückwärts mit dem Schwert durchbohrt sein worden soll.
Andere Überlieferungen wissen um einen friedlichen Tod, die Steinigung oder den Tod im Feuer.
Jakobus, der Sohn des Alphäus
Zur Unterschedung wird er auch als Jakobus der Jüngere, lateinisch Jacobus minor bezeichnet.
Attribute: Keule, Walkerstange
Jakobus soll mit einer Keule erschlagen worden sein.
Nach anderer Überlieferung sollte er von der Zinne des Tempels seinen Glauben widerrufen;
nach seiner Weigerung wurde er durch den Hohen Rat der Juden, zum Tod verurteilt,
von der Mauer des Tempels gestürzt und mit einer Tuchwalker-Stange erschlagen.
Der Apostel Jakobus wird oft gleichgesetzt mit:
Jakobus der Gerechte
und
(Judas) Thaddäus
Attribute: Buch, Keule, Hellebarde
Keule und Hellebarde stehen für das in Legenden überlieferte Martyrium.
Je nach Überlieferung hat Thaddäus gemeinsam mit Simon (Kanaanäus) oder Bartholomäus missioniert.
Da diese Attribute auch bei Jakobus (min) bzw. Matthäus vorkommen können, sind Verwechslungen möglich!
Simon Kanaanäus
auch genannt Simon Zelotes.
Attribute: Säge, Beil, Keule
Am häufigsten findet sich die Säge, weil er damit in Stücke
geteilt worden sei; drastisch illustriert von
Lucas Cranach der Ältere.
Auf andere Arten des Martyriums deuten Beil und Keule hin,
wobei speziell die Keule wieder Verwechslungen möglich macht.
es gibt auch Überlieferungen, nach denen Simon eines natürlichen Todes gestorben sei!
und (an Stelle von Judas Iskariot, "der ihn verriet")
Matthias
Attribute: Schwert, Beil, Hellebarde, Steine
Es gibt verschiedene legendenhafte Überlieferungen zu seinem
Märtyrertod. Dafür stehen die Attribute;
gesteinigt und mit dem Schwert enthauptet,
gesteinigt und mit dem Beil erschlagen...
Er soll aber auch eines friedlichen Todes gestorben sein.
zuletzt die "unzeitige Geburt" (1.Kor.15,8)
Paulus von Tarsus
Attribute: Buch, Schwert
Das Schwert steht für seine Enthauptung, findet sich aber erst seit dem 13. Jht.
Die Ikonografie des Paulus beruht auf den antiken Darstellungskonventionen des Philosophen (langes Gewand, Kodex oder Schriftrolle, Bart). Charakteristisch ist die Darstellung mit einer Halbglatze, bei der auf der Stirn noch eine Stelle mit Haaransatz vorhanden ist. Er hat in der Regel eine dunkle Haarfarbe.
Die Attribute sind natürlich nicht zwingend vorhanden! Bis in das 12. Jahrhundert überwogen andere Unterscheidungsmerkmale, wie Kleidung, Haartracht, Haltung und Gestik.
Es gibt noch ein anderes Problem: besonders bei Schnitzfiguren gingen in den Händen gehaltene
Attribute leicht verloren. Wurden sie später ersetzt, konnten Attribute falsch zugeordnet werden.
Wenn Sie sich den Petrus aus vorstehender Liste ansehen, so hat er eine Frisur, die ursprünglich auf Paulus deutete,
und der Paulus könnte auch ein Matthias oder Matthäus sein.
Und das Objekt, das Thaddäus in der Hand hält, sieht nicht unbedingt nach einer Hellebarde
aus; es könnte auch eine Walkerstange sein...
Petrus und Paulus
Diese beiden Apostel werden oft gemeinsam dargestellt.
Die nebenstehenden Abbildungen aus ganz verschiedenen Epochen und auf unterschiedlichen
Materialien zeigen typische Merkmale, die auch ohne Attribute eine Zuordnung erlauben:
Petrus: Volles, meist graues Haar
Paulus: Weniger Haar bis zur Glatze, dunkle Haarfarbe
Aus einer Grotte
Das alte Bild rechts zeigt noch einmal die charakteristische Stirnlocke von Paulus.
Darstellungen der Evangelisten lassen sich vielfach finden.
Nachstehend etliche Beispiele, die alle "Wikimedia" entnommen sind; daher auch von
nicht immer bester Qualität und in der Auswahl zufällig.
Bei manchen Aposteln stehen Namen, andere Darstellungen fordern zum Erkunden heraus. - Versuchen Sie es einmal selbst!
Bei den - meist gotischen - Schnitzaltären finden sich fast immer Apostel:
Daß hier so viele Beispiele aus Dänemark stehen, ist dem Zufall des Bildmaterials zu verdanken, hat aber wohl auch damit zu tun, daß dort gerade in den kleinen Kirchen mehr erhalten ist.
Auch in Mecklenburg und Vorpommern wird man fündig (jenseits von Schwerin und Wismar):
Und noch ein paar Beispiele für Apostelgruppen:
An der Decke der
Himmelfahrtskirche in
Jerusalem findet sich ein interessantes Bild:
Es blieb natürlich nicht aus, daß jemand wegen der "vollkommenen" Zahl 12 auf die Idee kam,
zwischen den Aposteln und den Sternzeichen bzw. Monaten eine Beziehung herzustellen. Da gibt es bis in die
Gegenwart die merkwürdigsten Ansätze (meist astrologischer Art). Ein typisches Beispiel können Sie unter
Das letzte Abendmahl finden.
Daß solche Beziehungen hergestellt wurden, ist seit Clemens von Alexandria (ca. 150-215) belegt. Dabei gibt es unterschiedliche Zuordnungen. Drei Zuordnungen seien hier genannt:
| Quartal | Apostel | Gruppe 1 | Gruppe 2 | Gruppe 3 |
|---|---|---|---|---|
| Frühling: | Simon Zelotes | Widder | Steinbock | Waage |
| Thaddäus | Stier | Wassermann | Jungfrau | |
| Matthäus | Zwillinge | Schütze | Krebs | |
| Sommer | Philippus | Krebs | Waage | Widder |
| Jakobus major | Löwe | Zwillinge | Löwe | |
| Thomas | Jungfrau | Löwe | Zwillinge | |
| Herbst: | Johannes | Waage | Krebs | Fische |
| Judas Iskariot | Skorpion | -------- | -------- | |
| Petrus | Schütze | Widder | Steinbock | |
| Winter: | Andreas | Steinbock | Stier | Wassermann |
| Jakobus minor | Wassermann | Jungfrau | -------- | |
| Bartholomäus | Fische | Skorpion | Stier | |
| -------- | Matthias | -------- | Fische | Skorpion |
| Paulus | -------- | (Perseus) | Schütze |
Die Gruppe 1 ist zum Beispiel bei der Deutung von Leonardos "Abendmahl" (s.o.) benutzt worden. Sie liegt meist auch der sonderbaren Kombination Edelstein-Sternbild-Apostel zugrunde, die wiederum auf die Verbindung von den Edelsteinen des Hohepriesterornats mit den 12 Stämmen Israels zurückgehen (Exodus 39, 10-14).
Die Gruppe 2 wird in astrologischen Lexika angegeben; auch
Julius Schiller
hat diese Zuordnung benutzt.
Als Beispiele sollen hier noch dienen:  
Buchmalerei
und
Reliquien-Behälter
Während der Arbeit an diesem Artikel sind mir noch einige interessante Darstellungen aufgefallen, die ich gerne zeigen möchte, allerdings weitgehend unkommentiert:
Suchen sie einmal in den Kirchen Ihrer Umgebung nach Apostelfiguren. Sie werden sicher welche finden!
Christian Hildebrand
Die Mecklenburgische Bibelgesellschaft (MBG)